Ein Platz für die Wahrheit

28.05.2013 Schöne Medien 1 Kommentar

Titelbild_Matrjoschkas

Warum einen Blogbeitrag über russische Medien schreiben? Nun ja, inspiriert hat mich dazu ein eher unscheinbarer Online Artikel über die Anklage mehrerer Verdächtiger in dem Mordfall Anna Politkowskaja. Der Name kommt Ihnen nicht bekannt vor? Diese regierungskritische Journalistin wurde 2006 vor ihrem Wohnhaus in Moskau erschossen und steht als Sinnbild dafür, was mit dem russischen Mediensystem nicht stimmt.  Warum ich das für erwähnenswert halte? Machen wir eine kurze Zeitreise…

… und landen in St. Petersburg im Jahr 2010. Ich hatte gerade mein Auslandssemester angetreten, eine seltsame Mischung aus Ehrfurcht und Euphorie im Herzen. Allerdings präsentierte sich das Venedig des Nordens ganz anders als ich es mir nach den Erzählungen von Eltern und Großeltern ausgemalt hatte. Schillernd, bunt und prächtig; eine schrille Symbiose aus sowjetischem Charme und modernem Livestyle. Aus der ehemaligen Zarenstadt war also eine kosmopolitische Weltmetropole geworden. Eine faszinierende Kulisse, gleichermaßen bestimmt durch pompöse Kulturbauten, Denkmäler und Museen sowie Einkaufszentren, Coffee Shops und Fast Food Restaurants. Riesige Werbeplakate und Leuchtreklamen säumten die scheinbar endlosen Shoppingmeilen auf denen einst auch Puschkin und Dostojewski flanierten.

Und so schlenderte auch ich durch die Straßen und sog das atemberaubende Flair ein, Straßenkünstler und Souvenirhändler kreuzten meinen Weg. Aus einiger Entfernung beobachtete ich eine kleine Bürgergruppe, die sich erhobenen Hauptes fortbewegte. Sie trugen Blumen, Kerzen und Portraits bei sich. Na klar, es war der 07. Oktober – Geburtstag des Nicht-Mehr-Präsidenten Wladimir Putin und trotzdem offizielle Staats-Feierlichkeit, natürlich!

Plötzlich blieb die Gruppe stehen und klappte den Stuhl mitten auf dem Bürgersteig aus. Zu neugierig um weitere Souvenirs zu begutachten ging ich auf die Gruppe zu. Allem Anschein nach hatte dieser Umzug wenig mit den staatlichen Festivitäten zu tun. „Damit die Wahrheit Platz nehmen kann!“ war die Aufschrift ihrer Plakate, Flyer und Buttons. Nein, dies war definitiv kein Jubelmarsch für den umstrittenen Ex-Präsidenten.

„Mit dieser Protestaktion gedenken wir dem vierten Todestag der Investigativjournalistin Anna Politkowskaja und rufen alle Bürger auf sich zu erheben – damit die Wahrheit Platz nehmen kann!“, so die Erläuterung des Gruppenführers Alexej. Bereits zuvor hatte ich den Namen Anna Politkowskaja gehört, jedoch noch nie mit dieser heroischen Konnotation. Ich erinnerte mich daran, dass auch deutsche Medien über die Ermordung der russisch-amerikanischen Journalistin berichtet hatten. Sie galt als regimekritische Reporterin, Autorin und Menschenrechtsaktivistin und erregte durch ihre investigative Berichterstattung über den Tschetschenien-Krieg sowie russische Korruptions- und Machtgefüge immer wieder die öffentliche Aufmerksamkeit. Am 07. Oktober 2006 wurde sie schließlich tot in dem Fahrstuhl vor ihrem Moskauer Wohnhaus aufgefunden – begleitet von dem entsetzten Aufschrei internationaler Medien- und Menschenrechtsorganisationen.

„Diese Untat darf nicht in Vergessenheit geraten. Der Stuhl steht symbolisch für Politkowskajas leeren Bürostuhl in der Redaktion der Nowaja Gazeta. Und nicht nur für den – sondern auch für die vielen leeren Stühle, die Redaktionen vormals unabhängiger Medien seit der erneuten Verstaatlichung unter Wladimir Putin verzeichnen“, so Alexej weiter.

Denn was für die Menschen in Russland schon traurige Realität geworden ist, erinnert hierzulande doch sehr an die propagandistische Berichterstattung zu Zeiten des Dritten Reiches: direkte staatliche Kontrolle der Medien, staatstreue Unternehmer und die Verstaatlichung von Druckereien haben für viele Deutsche einen nur allzu bekannten, bitteren Beigeschmack. Wer sich stets kritisch äußert fällt negativ auf und gilt als unbequem – wer nachforscht stirbt. So auch im Fall Anna Politkowskajas.

„Aber wie ist staatliche und privatwirtschaftliche Medienkontrolle im 21. Jahrhundert überhaupt noch möglich?“, fragte ich und erklärte, dass z.B. nach dem Zweiten Weltkrieg 1945 die West-Alliierten in Deutschland offiziell den öffentlich-rechtlichen Rundfunk nach BBC-Vorbild gegründet hatten. Als wesentlicher Bestandteil einer politischen und wirtschaftlichen Unabhängigkeit seien die öffentlich-rechtlichen Medien laut Rundfunkstaatsvertrag bis heute mit einem Grundversorgungs- und Bildungsauftrag betraut, die die Meinungsvielfalt in der Bevölkerung bewahren und fördern sollten.

Marina, Journalismus- und Politik-Studentin der Staatlichen Universität St. Petersburg, setzte zu einer Theorie an: „Bis zur Auflösung der Sowjetunion im Jahre 1991 herrschte in Russland eine staatliche Monopolisierung der Medien. Als Instrumente der Partei unterlagen sie der absoluten Staatsnähe sowie der Zensur und bestimmten so den Konsum von Medienprodukten aller Art. Nach dem Zerfall der UdSSR 1991 wurden Medien privatisiert und die staatliche Zensur aufgehoben. Zahlreiche neue Medienformate bildeten sich heraus und dienten nunmehr der Information und Unterhaltung. Finanzieller Notstand trieb allerdings viele Medien in die Arme finanzstarker Oligarchen, die ihrerseits Einfluss auf die Berichterstattung nahmen – natürlich immer zum eigenen Wohl. Seit seiner Präsidentschaft im Jahr 2000 hat Wladimir Putin eine Vielzahl privater Medien wieder rigoros verstaatlichen lassen. Hinter nicht offiziell verstaatlichten Medien verbirgt sich meistens der Energiekonzern Gazprom als mehrheitlicher Teilhaber. Und dessen Teilhaber ist der Staat. Die Mehrheit der russischen Medien sind also zu einem regierungskonformen Sprachrohr degradiert worden. Unsere Chance ist jetzt das Internet – hier treffen wir auf ein Publikum, das noch nicht vollkommen vergiftet ist durch die Propaganda und Manipulation der russischen Regierung“, beendet Marina ihre Ausführung.

Als kritischer Journalist lebe man in Russland eben gefährlich, so die allgemeine Meinung. Es sei schon fast üblich, dass regimekritische Journalisten Repressalien, Überfällen und sogar Mord zum Opfer fielen. Die Täter würden nur selten gefasst. Es habe einige Untersuchungen und Verhaftungen gegeben, aber bis jetzt sei alles im Sande verlaufen. Bestenfalls würden die Handlanger verurteilt, die wahren Drahtzieher würden jedoch nie ans Tageslicht kommen.

Doch sie würden die Hoffnung nicht aufgeben und kämpfen. Manchmal laut, durch Demonstrationen und Protestaktionen. Dann wieder leise, indem sie eben nicht alles glauben, was offiziellen Medien ihnen vorgaukeln. „Wir erinnern uns – wir erheben uns“, rief die Gruppe im Chor und zog weiter. Ich blieb noch stehen und blickte der Gruppe nach – jenen Menschen, die sich erhoben, um der Wahrheit, Meinungsfreiheit und unabhängigen Berichterstattung einen Platz im öffentlichen Diskurs zu verschaffen. Und da begriff ich, was ich die ganze Zeit beobachtet hatte. Eine Gesellschaft im Umbruch.

Laut Online Artikel hat jetzt, gut sechs Jahre nach Anna Politkowskajas Tod,  der Fall wieder an Fahrt aufgenommen und fünf Tatverdächtige wurden von der russischen Justiz angeklagt. „Erhebt euch für die Wahrheit“, höre ich Alexejs Stimme in meinem Kopf.
Ein leiser Hauch von Frühling.

 

 

Inna Voth

Marketing-Managerin bei Schöne Medien GmbH
Inna Voth hegt und pflegt den Unternehmensblog der Schöne Medien GmbH. Hier schreibt sie aus der strategischen Perspektive über Themen rund um Marketing und Markenkommunikation.

Letzte Artikel von Inna Voth (Alle anzeigen)

Schlagworte: , , , ,

Beitrag kommentieren

Alle Kommentare
  • Erika Ott

    28.05.2013, 20:08 Uhr

    Ein hierzulande seltener Blickwinkel, aus dem Sie berichten können! Vielen Dank für diesen Artikel!

Schöne Medien GmbH

Büro für Markenkommunikation

Große Str. 45
49074 Osnabrück

(0541) 98 10 900
info@schoene-medien.com